Junge Künstler aus vier Nationen trafen in diesem Symposium zusammen

 Ein Bericht von Dr. Martin H. Schmidt
Direkt vom ersten Zusammenkommen an herrschte eine die nationalen und kulturellen Grenzen übergreifende produktive Arbeitsatmosphäre. Es oblag mir, aus kunstwissenschaftlicher Perspektive den angestoßenen Prozess zu begleiten, als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen und daraus die Texte eines Kataloges zu erstellen.
Aus den vielen Gesprächen erwuchs schnell die Erkenntnis, dass dies kein "normales" Symposium war und entsprechend zielführende Fragen, die ein Abgleich des westlichen Formenkansons mit hier entstehenden Motiven vorsahen, nicht greifen konnten, Singulär geäußerte Statements wie: "I hate America!" und "I don`t care about ohter flaggs, I create my own!" entlarven Fragen zur klassischen Heraldik und Ikonographie, zu Jasper Johs, Andy Warhol, Donald Baechler, Jack Pearson, zu Gerhard Richter und Martin Noel schnell als kontraproduktiv. Entsprechend mußte ein neuer Zugang gefunden werden, der mit den inneren, den menschlichen Entwicklungen der hier anwesenden Künstlern in Verbindung stand. Was aber steht mit diesem Erleben in Zusammenhang? Erst die Erzählung einer Teilnehmerin am abendlichen Lagerfeuer ließ mich die Antwort finden:
Für einen Familienvater bedeutete die Welt des Zirkus ALLES in seinem Leben, sehr zum Leidwesen seiner Frau und seiner Kinder. Als nun wieder einmal ein Zirkus seine Zelte in der Nachbarschaft aufgeschlagen hatte, da gab es für den Mann kein halten mehr. Er informierte seine Frau, verabschiedete sich von seinen Kindern und begann mit dem Zirkus auf Wanderschaft zu gehen. Der Mann lebte seinen Traum, die Familie war traurig. So vergingen einige Jahre, und als eines Tages der Zirkus wieder in der Nachbarschaft seine Zelte aufschlug, da spürte der Mann, dass es Zeit war, wieder in die Familie zurück zu kehren. Er verließ den Zirkus und die Familie nahm ihn freudig auf. Und alles war wie früher! - hatte ich vergessen zu erwähnen, dass es sich um eine zeitgenössische Kindererzählung aus Israel handelt? Das hole ich jetzt nach. - War wirklich alles wie früher? Die Antwort ist nein! Das Feuer des Zirkus hatte bereits durch den Mann auf die Familie übergegriffen. Die Mädchen lachten und tobten, die Ehefrau leuchtete und strahlte, die Jungen zeigten akrobatische Kunststücke"... und genau so ergeht es uns, wenn wir dann wieder zurück sein werden." Noch während der Presssekonferenz hatte ich eindringlich darauf hingewiesen, dass wir es hier mit einem Prozess zu tun haben. Und entsprechend werden die zu zeigenden Objekte die der Manifestationen dieses künstlerischen Prozesses sein. Eine Qualitätsgarantie könnten wir nicht geben. Das war am Montag, dem achten Tag des Symposiums. Heute, am Schlusstag, kann ich Ihnen sagen, dass wir einen Durchbruch ezielt haben, dass wir stolz auf unsere Künstler und deren Werke sein können, und darauf, dass jeder ALLES gegeben hat, hochqualitätsvolle Arbeiten, um am Ende dieses Symposiums am Anfang der Ausstellungsreihe zu stehen.
Was mich wiederum in unseren Auswahlkriterien bestätigt. Denn wir hatten als oberste Priorität die Qualität der Ausbildung und der künstlerischen Werke gesetzt. Aus einer Anzahl von 240 Künstlerbewerbungen haben wir schließlich 16 Persönlichkeiten ausgewählt. Dabei teilte sich die Vorgehensweise der Auslese in zwei Teile. Einmal der demokratische Weg über eine öffentliche Ausschreibung in Deutschland, auf die 180 Bewerber reagierten. Und auf der anderen Seite über eine Vorauswahl durch ortsansässige Kuratoren in den Ländern Israel, Palästina und Ägypten. Öffentliche Ausschreibungen sind in diesen Ländern nicht üblich. In drei Sitzungsrunden hatten wir uns auf den Kern der Teilnehmer verständigt. Dabei fiel erfreulich auf, dass die Juroren, obwohl sie aus unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen stammten, ähnliche Vorstellungen und Qualitätskriterien hatten.
An dieser Stelle darf und muss darauf hingewiesen werden, welch ungewöhnlich gute Arbeitsbedingungen den Künstlern im Haus am Schüberg zur Verfügung standen. Einerseits die klösterliche Abgeschiedenheit, die die Konzentration auf die Arbeit förderte, andererseits die unermüdliche Unterstützung durch selbst künstlerisch Tätige. Die Gäste aus dem Nahen Osten faßten die Sítuation mit Worten zusammen wie: "bisher nicht gekannt" und "bei uns nicht vorstellbar". Hier im Haus am Schüberg ist in den letzten Tagen sehr viel geschehen, sehr viel entstanden. Wir haben Künstlerpersönlichkeiten unter uns, die zum Beispiel mit einer klaren Vorstellung anreisten - und diese klaren Vorstellungen auch konsequent und unbeirrt umsetzten.
Sven Kahlden wollte von Anfang an das Modell zu dem Palästina-Museum für Berlin erstellen, mit Fertigbauteilen aus Beton und einer Videoinstallation; was er auch tat. Stephanie Links Idee einer Doppelhenkeltasse erhielt hier in Ammersbek den letzten Schliff. Und Or Kadar konnte endlich den lang gehegten Wunsch in die Tat umsetzen, großformatige Radierungen zu erstellen, in einer Arbeitsmethode, die ihm in seiner Heimat nicht zur Verfügung steht. Katalin Schaak schuf einen Doppelprojektion-Film zum Themenkomplex "Begegnung", dessen Realisierung den Einsatz aller Teilnehmer bis an physische Grenzen einforderte, Nermine El Ansari schuf eine Schulszene zu Landkarten, hier der Gazastreifen:"Exercise".
Die anderen ließen sich inspirieren von der Landschaft, von Sperrmüll, durch Gespräche und die Jahreszeit, die das Geäst der blattlosen Bäume deutlich zu Tage treten läßt. Prof. Taha Hussein zeichnete erstmals nach vielen Jahren wieder Landschaften und Bäume. Adva Drori nutze die Vielfalt des Ammersbeker Sperrmülls für ihre Performances zu: "Kunst und Heilung" und Dunia Khalil legte mit ihrer Aktion "Global line" einen roten, die Werke und Entstehungsorte am Haus am Schüberg umschließenden Salz-Pigment-Strahl. Nasreen Abu Baker kam erst in einer der letzten Nächte auf eine für sie ungewöhnliche Reduzierung, eine Minimalisierung, die ihr persönliches Denken auf den sprichwörtlichen "Punkt" brachte.
Anderes war grundlegend geplant, mußte dann aber wieder an die Örtlichkeit angepasst werden. So wechselte Ruti Helbits Cohen wieder und wieder die Komposition ihres Wandobjektes. Und Manal Mahamid musste durch eine Vielzahl von Sackgassen gehen und immer wieder Veränderungen in ihr Werk einfließen lassen, bis sie Ort, Material und Umsetzung als stimmig empfinden konnte. Shlomit Baumann ließ sich durch Porzellan inspirieren, aus türkischen Geschäften im Viertel Sankt Georg. Auf diese Readymades platzierte sie selbst vorproduzierte Porzellanabziehbilder zum Thema Lungenkrankheiten, Grenzen, Übergriffe, Wucherungen.
Für Salam Munir Diab war es unumstößlich klar, dass er das Thema: "Meine palästinensische Flagge" umsetzen würde, was er auch intensiv tat. Und schließlich Khadar Oshah. Er malte in einer wahren Produktionsmanie Porträt um Porträt auf Fotopapier mit Entwicklerflüssigkeit. Schließlich verpackte er alle diese Werke in einer Tonne und vergrub sie hier im Innenhof. Erst in 21 Jahren wird er diese Tonne wieder aus dem Erdreich heben. Ein Anlass, der uns erneut zusammenführen sollte. Es überraschte und erfreute mich zugleich, dass fast durchgängig auf national identifizierbare Motive verzichtet wurde, zugunsten einer an Ort und Stelle vorgefundenen Materialsprache, die dadurch gruppenverbindend wirkte. Die bearbeiteten Themen sind ernsthafte Themen: Es geht um Verletzung, Zurückweisung, Krankheit und Tod. Barrieren ,Waffen und Mauern. Doch ebenso um Überwindung von Trennung, um Liebe und den Wunsch nach Verständigung; Gesehen werden und sehen, reden und zuhören. Jeweils in der eigenen, individuellen Sprache eines Künstlers zum Ausdruck gebracht.. Als ich schließlich Szenen erleben durfte, in denen israelische und palästinensische Künstler gemeinsam am Aufbau eines Werkes beteiligt waren und sich lachend in den Armen lagen; als ich hörte, dass sich im interkulturellen Austausch Ideen verändert hatten, spätestens dann wußte ich, dass dieses Symposium sein Ziel erreicht hatte.
Dr. Martin H. Schmidt, Ammersbek im Mai 2006
Die Arbeitsstelle Gewalt überwinden wird Sie auf diesen Seiten mit den Künstlern und Ihrer Geschichte bekannt machen. Wir laden Sie auf diesen Seiten ein, die hier im Haus am Schüberg entstandenen Werke der Künstler zu besichtigen. Auch wenn die Materialsprache leicht zu verstehen ist, wollen wir nicht auf kurze Erklärungen verzichten. Wir richten unseren Dank an den Fotograf und Journalist Michael Kottmeier (Agenda) der uns diese Bilder zur Verfügung stellte und die wir an dieser Stelle präsentieren dürfen. Texte des Kunsthistorikers Dr. H. Schmidt werden die Bilder begleiten.
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